Motonormativität: Die Wurzel allen Übels im Verkehr?

Auto-Normalität? Eine neue Studie zur «Motonormativität» zeigt auf, warum sich viele Menschen schwertun damit, Alternativen zum Auto zu erkennen – und nennt Ansatzpunkte, wie die Verkehrswende doch noch zu schaffen ist.

Fabian Baumann, Redaktor (fabian.baumann@velojournal.ch)
News, 24.02.2025

Wenn es um Mobilität geht, dreht sich die Diskussion zumeist um Automobilität. Das Auto steht für viele Menschen sinnbildlich für Mobilität. Dabei werden die negativen Folgen des privaten Motorfahrzeugverkehrs meist ausgeblendet. Doch diese sind gravierend. Auch in der Schweiz.

Dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) zufolge verursacht etwa die Luftverschmutzung hierzulande 2300 vorzeitige Todesfälle pro Jahr. Die belastete Atemluft führt zu rund 12'000 Fällen von akuter Bronchitis bei Kindern und rund 2300 neuen Fällen von chronischer Bronchitis bei Erwachsenen. Dadurch entstünden jedes Jahr Gesundheitskosten von rund 7 Milliarden Franken, heisst es beim Bafu.

Widerstand gegen Verkehrsberuhigung

Natürlich ist der Motorfahrzeugverkehr nicht alleiniger Verursacher der Luftverschmutzung. Messungen aus Zürich zeigen aber, dass der motorisierte Individualverkehr die Hauptquelle der Stickoxid-Emissionen ist.

Dennoch wird über jede Eindämmung des Autoverkehrs gestritten, werden Tempo-30er-Zonen oder Velovorzugsrouten politisch bekämpft. Warum ist das so?

Ian Walker, Professor für Umweltpsychologie an der Swansea Universität in Wales führt die Ursache auf ein Phänomen zurück, das «Motonormativität» genannt wird. Dabei wird die motorisierte Mobilität als Normalität betrachtet und anders – deutlich positiver – beurteilt als andere Formen der Mobilität.

Motonormativität

Zusammen mit dem niederländischen Wissenschafter Marco te Bömmelstroet, bekannt als «Fietsprofessor», geht Walker in einer Studie den Ursachen der Motonormativität nach. Basierend auf der Befragung von mehr als 2000 Personen in den Niederlanden, Grossbritannien und den USA zeigen Walker und te Bömmelstroet, dass die Beurteilung des Autoverkehrs durch soziale, physische und kulturelle Faktoren beeinflusst wird.

Besonders spannend ist diesem Zusammenhang, dass die meisten der Befragten der Meinung waren, dass sie die Nicht-Auto-Mobilität stärker unterstützen als andere Menschen. «Diese Unkenntnis darüber, was andere Menschen über die autofreie Mobilität denken, kann den Widerstand der Öffentlichkeit gegen Versuche erklären, diese zu fördern», schreiben die Autoren.

Verkehrswende voranbringen

Walker und te Bömmelstroet plädieren dafür, die Verkehrswende an verschiedenen Ecken anzupacken. Zunächst einmal müssten die Menschen ihre Einstellung zum Auto ändern. Sie müssten anerkennen, dass Autofahren zwar für den Einzelnen bequem ist, aber für alle anderen negative Folgen hat.

Weiter empfehlen sie, den Schwerpunkt der Diskussion auf Punkte zu richten, die von einer Mehrheit als wichtig empfunden werden; etwa die Gesundheit der Kinder oder saubere Luft. Das können helfen, die Vorteile von weniger autogerechten Strassen zu erkennen.

Und schliesslich müsse experimentiert werden. Vorübergehende Sperrungen von Strassen für Autos oder die Einrichtung von Pop-up-Velowegen könnten aufzeigen, was möglich ist. Und so dazu beitragen, Widerstände gegen Veränderungen zu überwinden.

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