Als Tektro 2019 je ein Schaltwerk und einen Schalthebel als Teil des Aftermarket-Labels TRP auf den Markt brachte, sorgten die Taiwaner für einiges Aufsehen: Die «TR12» war für Allmountain-Modelle und die zusammen mit Aaron Gwin entwickelte «DH7» für Downhill-Bikes gedacht. Im Gelände waren diese Schaltungen aber nur selten anzutreffen, Und Hersteller mussten sie mit Kassetten, Kurbeln und Ketten von anderen Marken kombinieren. Das soll sich mit der Lancierung der «Evo12» sowie der «Evo7» für den Downhill-Rennsport künftig ändern. Denn die bisher vor allem für ihre Bremsen bekannten Taiwaner bringen nun einen kompletten Antrieb auf den Markt.

Ein Blick in die Montage der «Evo12»-Schalthebel am Firmensitz von Tektro-TRP in Taiwan.
Fast alles unterm eigenen Dach gefertigt
Bis auf die Kette, die von KMC stammt, werden alle Teile der beiden neuen TRP-Antriebe in der eigenen Fabrik gefertigt - Carbonkurbeln, Kassetten, Kettenblätter und Innenlager inklusive. Dazu hat Tektro am Hauptsitz in Changhua im Süden von Taichung in den vergangenen Jahren massiv investiert und diesen um 50'000 Quadratmeter Fläche in zwei neuen, hochmodernen Werkshallen erweitert. Die Fertigung unter eigenem Dach soll der Qualitätskontrolle, der Konsistenz der Funktion sowie der verlässlichen Produktionsplanung zugute kommen. Denn mit den neuen TRP-Antrieben zielt Tektro klar auf den Erstausrüstungsmarkt für Mountain Bikes.

Den «Evo12»-Antrieb gibt es mit goldenem sowie für rund zehn Franken weniger mit silbergrauem Finish.
Bei der «Evo12» weist das Schaltwerk einen langen, je zur Hälfte aus Aluminium und Carbon gefertigten Käfig mit einer Leitrolle mit 12 Zähnen oben und 14 Zähnen unten auf. Die Kassette ist mit Shimanos Microspline-Standard kompatibel und bietet eine Streuung von 10 bis 52 Zähnen. Die kleineren zehn Ritzel sind aus einem Block Stahl und die grössten beiden Ritzel aus einem Alu-Block gefräst. Diese beiden Einheiten sind mit sechs Torx-Schrauben verbunden, was den Austausch vereinfacht und günstiger gestaltet. Bei der «Evo7» ist die Kassette komplett aus Stahl gefertigt, mit HG-Freiläufen kompatibel und reicht von 11 bis 24 Zähnen. Dazu gibt es ein Schaltwerk mit kurzem Käfig.

Mit Alu-Kurbeln, Schaltwerk mit kurzem Käfig und kompakter Kassette mit Abschlussring
aus Aluminium zu den Speichen hin ist die «Evo7» für Downhill-Bikes gedacht.
Wie gemacht für grobes Gelände
Mit den TRP-Schaltungen geht Tektro den Erstausrüstungsmarkt von oben an: Von der Positionierung her sollen es die beiden rein mechanischen Antriebe mit den Topgruppen von Shimano und Sram aufnehmen - schliesslich will Tektro mit TRP zur Nummer Zwei im Markt für Mountainbike-Antriebe werden. Besonderen Wert legen die Taiwaner dabei auf eine saubere Funktion und leisen Lauf selbst bei forcierter Gangart in grobem Gelände. Dazu ist am Schaltwerk ausser dem Reibungsdämpfer vom Käfig, der neu ohne den verstellbaren Ratchet-Mechanismus auskommt, das «Hall Lock» verbaut. Dieser per Hebel aktivierbare Mechanismus schränkt die Bewegungsfreiheit des Schaltwerks am Schaltauge ein.

Der «Evo12»-Schalthebel offenbart seine Besonderheiten auf der Unterseite, und
die Stahl- und Alublöcke der Kassette sind verschraubt und einzeln ersetzbar.
Dass die Antriebe fürs Grobe konzipiert sind, zeigt sich auch am Schalthebel: Dieser weist zwei grosszügig dimensionierte Alu-Paddel für Daumen und Zeigefinger auf, die dank strukturierter Oberflächen schön griffig sind. Für eine optimale Ergonomie lässt sich die Grundposition vom Daumenpaddel über 20 Grad in beide Richtungen einstellen. Im Normalmodus können so bis zu fünf Gänge aufs Mal geschaltet werden. Mit dem kleinen «Mode Shift»-Schalter auf der Unterseite des Hebels lässt sich zusätzlich der «Single Shift»-Modus zuschalten, in dem immer nur ein Gang geschaltet wird - auf diese Lösung drängten von Tektro-TRP gesponserte Enduro-Athleten.

Die Carbon-Kurbeln rüstet TRP mit einem Aufschlagsschutz aus Gummi aus,
und das Innenlager ist passend für die gängigsten Standards erhältlich.
Die Kurbeln bietet Tektro-TRP wahlweise aus Carbon in 165 oder 170 mm Länge oder in Aluminium in 165, 170 oder 175 mm Länge an. Beide Varianten sind mit einer Tretlager-Welle mit 30 mm Durchmesser ausgerüstet. Um die Kette sicher in der Spur zu halten, weisen die Zähne der Kettenblätter einen leichten seitlichen Versatz auf, was Tektro-TRP «Wave Technology» nennt. Direkt am Kurbelarm montiert, sind die Kettenblätter wahlweise mit 30, 32 oder 34 Zähnen erhältlich. Das passende Innenlager bietet Tektro in den Varianten BSA 68/73 sowie PF92 und PF30 an, womit die gängigsten Standards abgedeckt sind.

Wenn es richtig schlägt und rumpelt, ist die «Evo12» in ihrem Element. Dazu gab es auf
den beiden Trails «Jungle Bunny» und «Burger Time» jede Menge Staub zu schlucken.
Und wie fährt sich der neue Antrieb aus Taiwan?
Vor der Taipei Cycle Show gab Tektro-TRP zehn Fachjournalisten aus Nordamerika und Europa die Chance, im Rahmen eines Pre-Launches alle Details über die «Evo12» zu erfahren und den Antrieb auch im Gelände zu fahren. Weil Cyclinfo-Redaktor Laurens van Rooijen ohnehin für die Show Daily-Messehefte nach Taiwan flog, war er mit von der Partie und verfasste gleich auch einen Fahrbericht für das deutsche Endverbraucher Portal mtb-news.de (Link). Als Teststrecken dienten zwei Kurse in den Wäldern nahe Taichungs, die knochentrocken und entsprechend holprig waren, einige Fels- und Wurzelpassagen sowie ekelhaft steile Rampen und vor allem viele Richtungswechsel aufwiesen.

Unzählige Richtungswechsel und unvermittelt auftauchende, steile Rampen
gab es auf den Teststrecken am Rande von Taichung zur Genüge.
Nach über einer Stunde voller Fahrt und drei Runden auf den beiden Strecken, bei denen eher die kleinsten als die dicksten Gänge gefragt waren, kann man Tektro bescheiden, dass sie bei den TRP-Antrieben vieles richtig gemacht haben. Zum Test stand dabei nur die «Evo12», und das verbaut an E-Mountainbikes wie unmotorisierten Allmountain-Modellen von Intense Bikes. Die Gangwechsel erfolgen auch unter Volllast so schnell wie präzise. Dabei lieferte der Antrieb ein klares akustisches Feedback, aber ohne störendes Rucken im Antrieb. Die Bedienungskräfte waren erfreulich gering, und wenn nicht gerade geschaltet wurde, lief der Antriebsstrang sehr ruhig - und entgleiste bei keinem der Tester.

Staub statt Schlamm: ausser auf die Schaltung war bei den Testfahrten
in Taiwan auch immer auf die Grenzen der Traktion zu achten.
Ob die Haltbarkeit den hohen Erwartungen und der Positionierung der TRP-Antriebe entspricht, konnte knapp über eine Stunde Fahrbetrieb nicht zeigen. Das wird sich in Zukunft erweisen. Der erste Eindruck fiel aber sehr positiv aus, und zudem sind einige clevere Ideen an Bord. Zusammen mit den kraftvollen, fein zu dosierenden und auch ergonomisch gelungenen «EVO»-Scheibenbremsen hat Tektro ein starkes Paket geschnürt, mit dem TRP zu einer ernsthaften Alternative auf dem Erstausrüstungsmarkt für Mountain Bikes werden könnte. Wie der Volksmund weiss, belebt Konkurrenz das Geschäft, und am aktuellen Duopol von Shimano und Sram darf durchaus gerüttelt werden.
Fotos: zVg Tektro-TRP, LvR, Dennis Stratmann/Proshooto (Actionbilder)


